Tim Müller, Geschäftsführer

Ich (der Mann aus dem Marketing) hatte Geschäftsführer Tim Müller nominiert und heute ist es nach langer Zeit soweit: Tim stellt sich den Fragen und wir erfahren mehr über die Person hinter dem Geschäftsführer.
Tim, Interviews sind nicht gerade deine Parade-Disziplin. Freust du dich trotzdem auf den Austausch? Als Unternehmensleitung wird man doch bestimmt des Öfteren über seine Positionen zu bestimmten Themenbereichen befragt.
Hallo Philipp, ich freue mich auf jeden Fall darauf. Das ist immer eine Möglichkeit, Fragen zu beantworten, eine Sichtweise zu transportieren. Vielleicht lerne ich ja auch etwas dabei.
Steigen wir doch direkt mal mit einem bedeutenden, tagesaktuellen Thema ein: den Monitoring-Bericht zur Energiewende in Deutschland und den daraus abgeleiteten Handlungsempfehlungen. Haben diese etwas in dir ausgelöst?
Tatsächlich ein weitreichendes Thema. Die grundsätzliche Aussage im Bericht ist, dass Batteriespeicher bis 2035 mit 800 MW Anschlusskapazität geplant werden, während Gaskraftwerke mit 30 GW geplant werden. Da muss man sich schon fragen, ob die Studienersteller auf der Höhe der Zeit sind. Auf der einen Seite planen wir den massiven Ausbau der Erneuerbaren, haben aber keine Idee, wie wir sie speichern wollen.
Die bereits jetzt massiv stattfindenden Abregelungen von erneuerbaren Erzeugungsanlagen – teilweise über Monate – sind heftig, es ist nicht klar, wie wir das volkswirtschaftlich lösen und auch verargumentieren sollen. Als PV-Only-Betreiber bist du ab Juni quasi dauerhaft monatelang abgeregelt. Das ist volkswirtschaftlich sicherlich suboptimal. Ich verstehe, dass die Studienersteller einen großen Wert auf den Wasserstoffhochlauf legen. Aber für Day-to-Day-Kurzzeitspeicher/Tagesspeicher sind Batteriespeicher unschlagbar.
Aus Sicht der Nachhaltigkeit und Unabhängigkeit unseres Stromsystems kann man das nicht nur als Batteriespeicher-Hersteller schwer nachvollziehen. Siehst du Chancen, dass sich der Wind hier wieder dreht?
Die Bundesregierung plant Milliarden von Euro in den Ausbau der Stromnetze zu investieren, die Netzbetreiber reden in einer Studie von einem Gesamtinvestitionsbedarf bis 2045 von mehr als 460 Mrd. Euro. Auf der anderen Seite plant sie wie oben gesagt mit einer Speichermenge, die ein Investitionsvolumen von einem verglichen damit fast nicht existenten Bruchteil umfasst. Wir haben es uns also zur Strategie gemacht (Sarkasmus an), ein perfektes Stromnetz zu bauen, dass erneuerbaren Strom jederzeit überall hin transportieren kann, wir benötigen diesen aber gar nicht jederzeit in voller Menge. Viel wichtiger wären Stromspeicher, die verbleibende Reserven lokal zwischenspeichern.
Dann würden wir uns auch einen großen Teil des Netzausbaus sparen. Wenn wir auch nur die Hälfte der Investitionen, die für den Netzausbau geplant sind in Stromspeicher packen, haben wir zumindest die nicht saisonalen Schwankungen / Asynchronitäten zwischen Produktion und Verbrauch gelöst und müssen deutlich weniger fossile Redispatch-Maßnahmen durchführen. Das ist volkswirtschaftlich sinnvoller als verflüssigtes Erdgas aus den USA einzuführen.
Kleine Anmerkung am Rande: Unser TRICERA Netzbooster unterstützt Netzbetreiber, indem er Erzeugungsspitzen puffert und so das Netz für mehr erneuerbare Energien besser auslastet – mit weniger Leitungsausbau, weniger Gaskraftwerken und geringerem Gasverbrauch. Flexibel und modular genau dort einsetzbar, wo er gebraucht wird.
Der Markt für Batteriespeicher-Systeme ist hart umkämpft und günstige Lösungen aus dem asiatischen Raum fluten regelrecht den Markt. Wie kann TRICERA in diesem hochkompetitiven Umfeld aus Deutschland und Europa heraus bestehen?
Ich selbst komme aus der PV-Welt, in der wir verschiedene Marktentwicklungsphasen erleben durften. Auch dort hatten wir Zeiten, in denen die chinesischen Hersteller mit sehr niedrigen Preisen auf den deutschen Markt gedrängt sind. Dies hat die Nachfrage für Anlagenbauer wie uns stark erhöht / belebt. Im Batteriemarkt ist es zusätzlich so, dass das Energiewirtschaftsgesetz eine Netzentgeltbefreiung für Speicher festlegt, die bis 2029 in Betrieb genommen wurden. Ich gehe also von einer hochdynamischen Boom-Phase bis 2029 und (falls die Bundesregierung diesen Stichtag nicht verlängert) von einer schnell erfolgenden Marktkonsolidierung in den Jahren danach aus. Das Ziel der TRICERA ist also klar: In den nächsten 3 Jahren zu einem wichtigen, vielleicht sogar dominierenden Player im Batteriekraftwerksbau aufzusteigen und sich stetig in diese Richtung zu entwickeln.
Gibt es ein Highlight aus deiner bisherigen Zeit bei TRICERA? Worauf bist du besonders stolz?
Tatsächlich ja. Zwei Sachen, die miteinander zu tun haben.
Ich bin enorm stolz darauf, dass das bisherige Highlight meiner Karriere innerhalb der TRICERA-Zeit passiert hast. Wir konnten hier als erstes ein hochkompetentes Team aufbauen, wodurch Know-how und Entscheidungen nicht nur bei wenigen Führungspersonen, sondern in viel größerer Breite, auf weit mehr Schultern verteilt sind, als ich es in bisherigen Firmen kannte. Ich halte das TRICERA-Team für das deutschlandweit kompetenteste im Batteriekraftwerksbau.
Darauf aufbauend treffen wir in TRICERA inzwischen alle strategischen Entscheidungen nicht nur auf Geschäftsführer-Ebene, sondern in einem deutlich größeren Leitungskreis. Diese bewusste Verantwortungsübernahme von langjährigen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ist mein persönliches Highlight.
Du arbeitest nun seit mehr als 15 Jahren mit dem Co-Geschäftsführer Lars Fallant zusammen, gemeinsam habt ihr vor über 4 Jahren TRICERA energy gegründet. Was schätzt du an ihm und was denkst du, weiß er an dir zu schätzen?
Lars und ich sind sehr verschieden. Daher ergänzen wir uns perfekt. Lars ist deutlich operativer aufgestellt als ich beispielsweise. Uns eint aber ein unerschütterlicher Optimismus und ein gesunder Pragmatismus. Und wir haben erfahren, dass wir uns jeweils auf den anderen zu 100% verlassen können. Das ist eine gute Voraussetzung, um produktiv zusammenzuarbeiten.
Vielleicht recht gut daran anschließend eine Frage aus der Mitarbeiterschaft: Wie stehst du auf rein moralischer Ebene zu Opportunismus, und wie verändert die wirtschaftliche Realität letztendlich deine theoretische Sichtweise? Welche Chancen können sich daraus ergeben, welche Gefahren gehen damit einher?
Ich halte Opportunismus im Detail für zulässig, wenn es dem übergeordneten Ziel dient. Wir sind beispielsweise eine eher kleine Firma, die sich notwendigerweise opportunistisch im Markt bewegen muß (bspw. beim Sourcing von Equipment) und dabei nicht immer ihren eigenen Vorlieben folgen kann. Denn wir müssen natürlich wirtschaftlich arbeiten.
In jedem Fall leisten wir aber immer einen entscheidenden Beitrag zur Energiewende und generieren eine Menge Wissen am hiesigen Standort. Zu guter Letzt bieten wir auch ein sehr erfüllendes Arbeitsumfeld für unsere Mitarbeitenden. Das sind für mich die übergeordneten Ziele.
Als CTO, also Chief Technical Officer hast du sehr viel mit den technischen Details und Feinheiten eines Batteriespeichers zu tun. Gibt es da Trends, die sich langfristig durchsetzen?
Wir sehen eine immer höhere Integration von Komponenten und eine immer höhere Wertschöpfungstiefe beim Materiallieferanten. Haben wir von einer Weile noch Module gekauft und diese selbst in Racks integriert, kaufen wir jetzt komplette DC-Blöcke (vollausgestattete Batteriecontainer). In Bälde wird diese durch sogenannte AC-Container verdrängt werden, die auch schon den Wechselrichter integriert haben. Auf der anderen Seite bleiben aber auch Nischen offen, in denen bspw. Batteriemodule direkt integriert werden müssen.
Zudem merken wir an vielen Stellen, dass sich „Best-of“-Lösungen etablieren. Leider sehen wir aber keine begleitende Normierung, sodass die Standardisierung und Austauschbarkeit auf der Kunden- bzw. Integrator-Seite nur sehr eingeschränkt gegeben ist. Dort war leider auch die Batterieverordnung der EU bisher nicht hilfreich. Daher fällt es schwer, aus diesen klar sichtbaren Trends standardisierte Produkte abzuleiten, die die Integration einfacher machen würden.
Eine Geschäftsführungs-Position geht mit viel Verantwortung für Unternehmen und Mitarbeitende einher. Wie gehst du mit diesem Druck um und genauso wichtig: Was machst du als Ausgleich vom intensiven Arbeitsalltag?
Der Druck hat sich um ein Vielfaches reduziert, seitdem es das Führungsteam so gibt wie oben beschrieben. Dies und die Fähigkeit, Sachen auszublenden helfen dabei, mit dem Druck fertig zu werden. Ich nehme Themen nur noch selten mit nach Hause.
Zum Abschluss: Wen nominierst du für das nächste Interview und warum?
Eine der Fragen kam ganz sicher von Florian Wendler. Wir tauschen uns gerne mal über wichtige Fragen des Lebens aus. Da würde mich natürlich interessieren, wie er so zu gewissen Fragen steht und sich in seinen Antworten positioniert.
